Zähneknirschen: Nachts beißt die Psyche zu

  • Zahnarztpraxis Dr. med. dent. Dieter Möller

Kopfschmerzen, Ohrensausen, Zahnverlust – die Folgen von unbewußtem Zähneknirschen im Schlaf sind weit verbreitet. Mindestens 18 Millionen Deutsche sind davon betroffen. In 90 Prozent aller Fälle ist die Psyche der heimliche Zahnkiller „Beiß die Zähne zusammen“ oder „beiß dich durch, auch wenn du an einem Problem schwer zu knabbern hast“ – wer kennt sie nicht, diese gut gemeinten Ratschläge! Doch sie sind leichter gesagt, als getan. Denn spätestens nachts schlägt die Psyche gnadenlos zurück. Verbissene Konzentration und Stress zeigen ungeahnte Folgen: Der Schläfer fängt unbewußt an, mit den Zähnen zu knirschen. Oder er presst sie fest zusammen, um die harte Nuß, die in seinem Kopf herumspukt, zu knacken.

Schuld daran ist das zentrale Nervensystem, unser Gehirn. Um ungelöste Spannungen und Konflikte möglichst schnell loszuwerden, überträgt es sie per Nervenbefehl einfach auf Zähne und Kaumuskeln. Das baut zwar schnell den Stress ab, führt aber zu fatalen Folgen für die Gesundheit. Kein Wunder: das ausgelöste Zähneknirschen und – pressen ist ein wahrer Gewaltakt – dabei wirken Kräfte von 100 Kilogramm pro Quadratzentimeter! Das entspricht der Kraft, mit der zwei Zementsäcke auf einen Backenzahn drücken würden.

Die Symptome sind vielfältig

Die sich nach und nach steigernden Symptome von Betroffenen sind vielfältig und nicht leicht zu erkennen. Wer morgens mit Kopf-, Kiefer- und Nackenschmerzen, Migräne oder Verspannungen aufwacht, gehört wahrscheinlich zu der wachsenden Zahl derer, die Nacht für Nacht im Schlaf ihre Zähne abknirschen. Millimeter für Millimeter, bis es sogar zum Verlust der Zähne kommen kann. Aber auch Beschwerden wie Ohrgeräusche (Tinnitus) und sogar Depressionen können durch Zähneknirschen hervorgerufen werden, wie Privat-Dozentin Dr. Anne-Marie Kluge vom Zahnmedizinischen Zentrum der Berliner Charité berichtet. Wie viele Menschen vom Zähneknirschen und – pressen betroffen sind, ist nicht bekannt. Es heißt, das 18 Millionen Deutsche mit den Zähnen mahlen. Nur jeder zehnte Patient weiß, dass er knirscht.

Und die Betroffenen werden jünger. Immer öfter werden sogar bei Kindern im Alter von fünf Jahren entsprechende Knirschschäden an den Milchzähnen festgestellt. Am häufigsten kauen allerdings die 20- bis 40jährigen an ihren Zähnen herum.

Aber auch im höheren Lebensalter bleiben viele nicht davon verschont – so haben Zahnärzte auch Prominente wie Thomas Gottschalk, Franz Beckenbauer oder Außenminister Joschka Fischer als Zähneknirscher geoutet. Meist bleibt das Übel jahrelang unbeachtet, denn Zahnknirscher und – presser verschlafen ihre Symptome meistens (nocturnaler Bruxismus). Gelegentlich werden die Zähne aber auch tagsüber übermäßig zusammengebissen.

Knirschen schadet dem Zahnschmelz

Meist erkennt erst der Zahnarzt am lädierten Zahnschmelz, was der Patient nachts mit seinen Zähnen anstellt. Der Zahnschmelz gehört zwar zu den härtesten Substanzen, doch stetes Knirschen schädigt selbst ihn. Leichte Formen führen zu einer verstärkten Abnutzung der Eckzähne, stärkere Ausprägungen führen zu einem Abknirschen aller Front-, später auch der Backenzähne. Wenn das Zahnbett stabil ist, dann wird der Zahn immer stärker heruntergewetzt. Gibt das Zahnbett nach, kommt es zum Zahnausfall. Durch die Überbeanspruchung von Kaumuskeln und des Kiefergelenkes kann es irreparable Schäden am ganzen Kausystem geben, bis hin zum Absterben einzelner Zähne, einer übermäßigen Abnutzung des Kiefergelenks, schmerzhafter Muskelknoten in den Kaumuskeln und Durchblutungsstörungen, die zu Kopfschmerzen führen.

Gelegentlich kann Zähnepressen und –knirschen schlicht durch schlecht sitzende Kronen, Füllungen, Brücken oder Prothesen ausgelöst werden. Dann lassen sich die Symptome meist rasch beheben. In 70 Prozent der Fälle ist jedoch die Psyche der (un)heimliche Zahnkiller.

Ein Relikt aus grauer Urzeit. Damals hatte das Zähneknirschen durchaus eine berechtigte Funktion: Es zeigte potentiellen Feinden unmißverständlich, wer der Stärkere war. Es diente als Warnung und Abwehr gleichermaßen. Heute hat dieses bildliche Zähnezeigen ausgedient. Doch der Mechanismus hat sich über die Zeiten hinüber gerettet. Unbewußt wird nachts der Feind abgewehrt – nur das er heute nicht mehr real im Schlafzimmer steht, sondern sich als Stress bemerkbar macht. Wer sich in seine Probleme „verbeisst“ und sie in sich hineinfrißt, knirscht öfter. Denn dann läuft über die vielen Erregungsleitungen vom Gehirn zum Mund nur ein Befehl: Stress abbauen. Und das heißt Kauen und Knirschen.

Durch eine nachts getragene Relaxierungs- oder Aufbißschiene (auch Knirscherschiene genannt) aus durchsichtigem Kunststoff, oder ein Interzeptor ( zierliche Metallspange ), kann der Zahnarzt dafür sorgen, das der natürliche Abstand zwischen Ober- und Unterkieferzähnen erhalten bleibt. Damit werden die Kiefergelenke entlastet und die Muskulatur entspannt. Doch Ziel muss es sein, die psychische Überbelastung im Berufs- und Privatleben, Kummer und Sorgen abzubauen. Manchmal geht das nur mit therapeutischer Hilfe. Aber auch Entspannungs- übungen, autogenes Training und die Vermeidung belastender Situationen wirken häufig wahre Wunder. Gymnastische Übungen, Massagen und Wärmebehandlungen, die verspannte Muskeln lockern, sind ebenfalls günstig.

Tages-Knirscher sollten lernen, Zähne und Kiefer gerade zu halten: die richtige Haltung ist die Ruheschwebe, das heißt, die Zähne von Ober- und Unterkiefer berühren sich nicht, die Kaumuskeln sind weitgehend entspannt. Wer merkt, das er die Zähne aufeinander preßt oder reibt, sollte sich gerade hinsetzten und sich schnell entspannen…

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